| nik bärtsch press | Ekstase durch Askese | 01. 01. 2003

Ekstase durch Askese

von Nik Bärtsch

RITUAL GROOVE MUSIC, der Titel meiner ersten eigenen CD, ist zugleich Programm meines musikalischen Denkens. Die Musik ist geprägt von der Liebe zum architektonisch gegliederten Raum, zu repetitiven und reduktiven Prinzipien und zur rhythmischen Verzahnung. Ein Stück kann wie ein Raum betreten, bewohnt werden. Durch obsessive Drehmomente, Überlagerungen meist ungerader Metren und Mikrointerplay bewegt sich die Musik fort und verändert ihre Zustände. Die Aufmerksamkeit wird auf die minimen Variationen und Phrasierungen gelenkt. Die Band wird so zum Integralen Organismus – wie ein Tier, ein Biotop, ein urbaner Raum. Man soll mit Ohren und Händen denken.

Diese Musik pflege ich v.a. in drei verschieden ausgerichteten Formationen. Die Gruppe MOBILE spielt rein akustisch und tritt im Rahmen von bis zu 36-stündigen Musikritualen auf, in denen Licht und Raumgestaltung ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Das Zenfunk-Quartett RONIN ist im Gegensatz zu MOBILE beweglicher, angriffiger und geht live mit den Kompositionen freier um. SOLO spiele ich meine Stücke am präparierten Flügel, gepaart mit Perkussion.

Improvisation spielt bei aller kompositorischen Strenge und Bündelung eine wichtige Rolle in meiner Musik. Einerseits werden Akzente, Ghostnotes und Variationen zwischen den Musikern hin und her geschickt; andererseits hat oft eine Stimme innerhalb einer Komposition eine grössere Freiheit als die anderen. Sie kann so die ausgeschriebenen Verzahnungen modular beleben. So entstehen Groovebiotope oder auch entleerte musikalische Areale von roher Poesie.

Mein Denken und meine Musik entwickeln sich aus der Tradition des urbanen Raums. Sie sind aus dem universellen Klang der Städte destilliert, nicht aus einer nationalen oder Stil-Tradition. Die Stadt in ihrer rauschhaften Vielfalt fordert die Fähigkeit zu fokussieren - Beschränkung aufs Wesentliche: Dosiert agieren, am richtigen Ort nichts tun. Diese Musik schöpft ihre Energie aus der Spannung zwischen kompositorischer Strenge und improvisatorischer Selbstüberlistung. Aus selbstgewählter Einschränkung entsteht Freiheit. Ekstase durch Askese.

Januar 2003