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14. 06. 2005
Süddeutsche Zeitung, Juni 2005
Mein perfekter Tag
Freund Tod
Der perfekte Tag, selbst erlebt - ihn darzustellen wirkt seltsam blass. Weil er zu persönlich ist? Ein solcher Tag ist kein öffentlicher Platz, auf dem jeder herumgehen kann. Er glüht in meinem Innern. Erzählt erscheint er als Bluff. Im Gegensatz dazu erfüllen mich meine besonders unperfekten Tage mit erzählerischer Lust, weil sie Potential zur Selbstironie und damit zum gemeinsamen Lachen bergen - was übrigens beides unbedingt zu meinem perfekten Tag dazu gehören sollte...
Bemerkenswert, wie sich ein unglücklicher oder unperfekter Tag im Nachhinein oft als perfekter Tag für eine geglückte Erzählung erweist. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Tag, den ich als naiver Spund in einem durch die peruanischen Anden rasenden Auto ohne Scheiben verbrachte. Stundenlang Tempo 100, Fahrer und Crew stock betrunken, links von uns und der schmalen, löchrigen Schotterstrasse ruhig lauernd der tiefer Abgrund, rechts die vorbeischnellenden zerklüfteten Felsen. Den Unfall-Tod vor Augen versuchte ich das erste Mal in meinem Leben zu beten, kannte aber mangels religiöser Erziehung kein Gebet, das eine sinnvolle Kommunikation mit dem Herrn ermöglicht hätte, der noch etwas zu meinen Gunsten hätte unternehmen können. Mein hilfloses inneres Mantra mitten in diesem von Staub und Raserei durchdrungenen Cockpit beschränkte sich auf die philosophisch zwiespältige, bekannte Plattitüde: "Lieber Gott, wenn es Dich gibt, lass mich jetzt nicht sterben". Heute würde ich in solchen Situationen meine Musik singen, die ich dank mehreren glücklichen Tagen, Wochen und Jahren "finden" und entwickeln durfte. Im Nachhinein war dieser Tag wenn nicht einer meiner glücklichsten doch wohl einer meiner glückhaftesten. Nach dieser überstandenen Anden-Ralley hab ich vor Aufregung, Angst und vor Glück, noch zu leben, einen Heulkrampf gekriegt. Am nächsten Morgen konnte ich von den Bergen aus von weitem den wunderbaren Sonnenaufgang über dem dampfenden Amazonas Regenwald sehen. In die Stadt zurückgegondelt bin ich bewusst mit einem langsamen Lastwagen zwischen (nüchternen...) Hühnern, Ziegen und Kornsäcken - mit der Einsicht, dass das Leben kostbar und an sich ein Glück ist.
Freund Tod vor Augen zu haben, erlaubt mir darum immer wieder, glückliche Tage überhaupt als solche zu erkennen. Gemeinsamkeit, Lachen, Weinen, Philosophie, Liebe, Musik, Zähneputzen: Ein perfekter und glücklicher Tag ist derjenige, in dem uns die normalen Alltagsdinge und -besorgungen sinnvoll und kurios fröhlich erscheinen.
Nik Bärtsch, Geboren 1971, ist Pianist und Komponist und lebt in Zürich.