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01. 01. 2002
Portrait Nik Bärtsch
Als Jazzer spielt er in verschiedenen Schweizer Formationen mit. Klassik spielt er als Mitglied des Gershwin Piano Quartet. In seiner eigenen Musik finden sich Einflüsse von Strawinsky über die Minimal Music eines Steve Reich bis zu Lennie Tristano. Der Zürcher Pianist und Komponist Nik Bärtsch ist ein Grenzgänger zwischen den Welten von Klassik und Jazz.
«Komponieren ist für mich eine Art von Meditation», umschreibt Nik Bärtsch seine Arbeit. Eine Art schlafwandlerischer Zustand sei es, in dem er rhythmische Muster, Akkordfolgen oder Phrasen und Melodiefragmente finde. Hier komme dann der wache Geist ins Spiel: «Der Intellekt überprüft, strukturiert und reduziert das Material», erklärt Bärtsch weiter. Die aus diesem Prozess gewonnenen musikalischen Module fügt er zu Stücken zusammen. Seine «Modularbauweise» erlaubt es dem Komponisten, Freiräume in der Musik zu schaffen. «Während zum Beispiel vier Stimmen auskomponiert sind, kann ich in einer fünften Stimme ein Modul einsetzen, in dem Rhythmus-Muster und Skala bestimmt, das Tempo und die Wiederholfrequenz jedoch frei sind», erläutert er. «Das Ergebnis könnte man ‹comprovisation› nennen; ein Gemisch aus Komposition und Improvisation.» Daraus resultiere auch, dass seine Stücke nicht immer ganz genau gleich tönen: «Die Dichte der Musik kann variieren. In einem Moment können verschiedene Stimmen zusammenkommen, sich überlagern und ein kompliziertes Geflecht bilden, in einem anderen können sie aber auch wieder schweigen und die Musik ausdünnen.»
So entwickelt sich etwa ein einzelner Klavierton zu einem Rhythmus, in den sich nach und nach andere Instrumente einschalten und weitere Klang- und Rhythmusschichten über das ursprüngliche Muster legen. Die Musik verdichtet sich, gewinnt an Komplexität und steigert sich in einen Groove hinein, der alles mit sich fort zieht. Oder sie reduziert sich immer mehr, bis am Schluss nur noch ein einzelner Akkord, ein verwehender Klang übrigbleibt.
«Die Art und Weise, wie ich meine Module zusammenfüge, ist unter anderem von Igor Strawinskys Werken inspiriert. Im ‹Sacre du Printemps› finden sich bereits modulare Verfahrensweisen. Er fügt rhythmische Zellen aneinander und bildet daraus vertrackte, groovende Abläufe», erklärt Nik Bärtsch. Was ihn an Strawinsky aber am meisten beeindrucke, sei dessen «Ökonomie des Materials». Die Beschränkung des Materials, das Ausloten der Möglichkeiten, die sich ihm mit einem bestimmten, beständig wiederholten Rhythmus-Muster bieten – dies ist es auch, was Nik Bärtsch mit den Vertretern der Minimal Music eines Steve Reich, John Adams oder Phil Glass verbindet. Aber anders als die drei Amerikaner, die teilweise in üppigen Klangwolken schwelgen, hält Bärtsch seine Musik schlank. Die rhythmischen Verhältnisse und Überlagerungen sind komplexer, die verwendeten Skalen und Akkorde dunkler, die Instrumentierung sparsamer und unkonventioneller.
Reduktion, Ökonomiesind eminent wichtige Ausdrücke im Wortschatz von Nik Bärtsch. In der traditionellen japanischen Kunst, die starke Ausdruckskraft und Strukturbewusstsein mit höchster Schlichtheit der Mittel verbindet, sieht er eine wichtige Inspirationsquelle. In vielen seiner Klänge widerspiegelt sich die Kargheit japanischer Steingärten. Aber solche Momente von beinahe meditativer Ruhe bergen immer wieder auch den Kern für mitreissende Grooves in sich.
Der Groove, das Sich-Hinein-Steigern in Rhythmen und Klänge ist charakteristisch für die Musik von Nik Bärtsch. Die Spieler genauso wie die Zuhörerinnen und Zuhörer werden von einem Sog erfasst, der sie für die Dauer eines Stückes in eine andere Welt versetzt. Hier heben sich die Grenzen von Klassischer Musik, Jazz und Funk auf, aber auch die Grenzen zwischen Konzert und Ritual. Bärtsch nennt seine Musik und die dazugehörenden Performances konsequenterweise auch «Ritual Groove Music». Zusammen mit seiner Band Mobile arbeitet Bärtsch an einem dreiteiligen «Ritual-Groove-Music»-Projekt namens «BLUE». Vor zwei Jahren ging der erste Teil «AREA BLUE» in Zürich über die Bühne, letzten Herbst «AQUA BLUE» in Baden. Im September dieses Jahres kommt die Trilogie mit «MU BLUE» wiederum in Zürich zu ihrem Abschluss. Die Musik von «AQUA BLUE» findet sich auf der letztes Jahr veröffentlichten CD Mobile.
Demnächst werden gleich zwei neue Scheiben mit neuer Musik von Nik Bärtsch auf dem Label Tonus Music Records erscheinen. «Zum einen kommt ‹Hishiryo› heraus, eine Solo-CD, auf der auskomponierte und improvisierte Klaviermusik von mir zu hören ist», meint er dazu. Die zweite CD, «Randori», hat er mit seinem Trio Ronin (Kaspar Rast, Schlagzeug und Björn Meyer, Bass) aufgenommen. Sie bietet eher etwas härtere «Ritual Groove Music», eine Art Zen-Funk. Beiden Produktionen gemeinsam ist jedoch Bärtschs Streben nach Klarheit und Schlichtheit.
Neben seinen eigenen Projekten ist Bärtsch aber noch bei vielen anderen Gelegenheiten zu hören. Er spielt in der Formation des Berner Saxophonisten Don Pfäffli mit und arbeitet als Theatermusiker mit der deutschen Regisseurin Nora Somaini zusammen. Als nächstes ist in Krefeld eine Inszenierung von Euripides‘ «Medea» geplant. Mit dem Gershwin Piano Quartet wird er diesen Frühling in Deutschland unterwegs sein und im Sommer beim «Live-at-Sunset»-Festival im Zürcher Landesmuseum spielen. Zudem hat er seit zwei Jahren einen Lehrauftrag für praktische Ästhetik an der Musikhochschule Winterthur/Zürich. Aber wie in seiner Musik bemüht sich Nik Bärtsch auch in seinen Aktivitäten, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: «Ich versuche, klar und bestimmt zu handeln und mich selber auf die wichtigen Dinge zu beschränken. Die Frage lautet ja letztlich: Was erotisiert dich so stark, dass du dich den ganzen Tag und die ganze Nacht dafür hingeben willst?»
© Stefan Sandmeier - TalkMusic.ch