| nik bärtsch press | Berlin Zeitung | 14. 03. 2006

Rhythmisches Ritual


Eine Band wie ein Organismus: Nik Bärtschs Ronin und ihr Album

Markus Schneider

Ob das noch Jazz ist, was Pianist Nik Bärtsch mit seinem Quartett Ronin spielt? Gleichmütig führt der 33-Jährige mit kurzen Motivwiederholungen durch die Stücke seines siebten Albums "Stoa". Sie sind vollständig auskomponiert und wirken oberflächlich fast ambientartig ruhig und unbewegt. Erst nach und nach entdeckt man, wie sich die kurzen Muster verändern und von den Instrumenten gegeneinander geschoben werden. Die Stücke nennt er "Module", sie werden durchnummeriert.

"Stoa" ist Bärtschs erstes Album für das Münchner Label ECM, dessen Ruhm sich auf allerruhigste Musik mit Hang zu geschmäcklerischer Schönklingerei gründet. Mit seinen Wurzeln im musikalischen Minimalismus und Jazz fügt er sich einerseits sehr logisch ins ECM-Konzept. Mit seiner Vorliebe für japanische Philosophie und Kampfkunst - Ronin ist der Name für abtrünnige, herrenlose Samurai - weicht seine Musik jedoch von der oft körperlosen Ästhetik seines Labels ab. "Repetition birgt eben auch das Potential, Veränderungen zu erkennen und mehr in die Tiefe zu stoßen", sagt Bärtsch. "Mich interessieren dabei die Ökonomie des Materials und Fragen der Redundanz. Was ist überflüssig? Wann werden Wiederholungen zum Selbstzweck, zum Statement? Gleichzeitig fasziniert mich aber auch das Kämpferische, die Attacke aus der Stille." Eine seiner Bezugsgrößen für Wiederholungsfragen ist Steve Reich. Der Amerikaner experimentierte in den sechziger Jahren mit auseinander laufenden, identischen Tonbandschlaufen und gehört zu den Begründern des Minimal-Genres.

Auch Ronins Motive erinnern oft an Tonbandschlaufen. Sie sind jedoch sämtlich selbst gespielt und kommen fast völlig ohne Elektronik aus. "Repetition und Loop sind ja nicht das gleiche. Ronin muss alles selbst und live spielen, weil dadurch die Veränderungen organisch kommen und nicht sozusagen künstlich am Computer hergestellt werden."

Bei aller ästhetischen Askese überhört man zunächst fast, wie sehr Ronins Stücke von einem starken Groove vorangetrieben werden. Es ist weniger der schweißtreibende Funk James Browns als dessen abstraktere Jazz-Version, wie sie Herbie Hancock Anfang der Siebziger mit seiner elektrischen Band Headhunters vorführte. Eher unjazzgemäß gibt es jedoch bei Ronin nahezu keine solistischen Ausflüge. Bärtschs Funk orientiert sich am kollektiven, rhythmischen Ritual. Bärtsch spricht von "ritual groove music" oder "Zen-Funk". Durch die Erdigkeit dieses Grooves entgeht er dem ziellosen Spiel, in das minimalistische Vexierübungen oft münden. "Unsere Musik ist eigentlich nur im Kollektiv möglich - nicht vom Klang, sondern von der rhythmischen Anlage her. Die Band muss sich wie ein Tier, wie ein Organismus bewegen."

Bärtsch kam ungewöhnlicherweise vom Jazz zur Klassik. Erst mit sechzehn begann er die klassische Klavierausbildung, nach deren Ende er Philosophie und Linguistik studierte und damit den Überbau zur handwerklichen Praxis gleichsam nachholte. Nun kann er seinen Minimalfunk mit zeichentheoretischen Gedanken puffern, wie Bedeutung aus Differenz und Wiederholung entsteht. Doch während er seine Schlaufen laufend auf kleinste Veränderungen hin untersucht, bleibt seine Musik auf wunderbare Weise unprätentiös und alltagsnah. Sie lebt von der Vorstellung, die musikalische Wahrheit stecke im gemeinschaftlichen, dialogischen Spiel. Und das kann man durchaus Jazz nennen.