| nik bärtsch press | Berner Woche Nr. 189 |
01. 08. 2001
Weltpremiere / Mit seinem Trio Ronin spielt der Zürcher Pianist und Komponist Nik Bärtsch «Zen-Funk»: Musik zwischen meditativer Versenkung und ritueller Roheit.
Grüntee und Eiskaffee
Ronin – so nannte man im alten Japan die Samurai, die es vorzogen, unabhängig zu bleiben, anstatt sich bedingungslos in den Dienst eines Fürsten zu stellen. Diese Freelancer brachten sich mit kurzfristigen Söldnereinsätzen und allerlei Gelegenheitsjobs über die Runden. Das Berufsprofil der Ronin erinnert ein bisschen an die Unwägbarkeiten im Dasein freischaffender Musiker, wobei diese allerdings höchst selten durch einen präzis geführten Schwerthieb aus dem Leben scheiden.
Ronin – so nennt Nik Bärtsch sein neues Trio, mit dem er, unbeirrt von den Imperativen des Mainstreams, die Auseinandersetzung mit seiner Ritual Groove Music fortsetzt, die er mit dem Quartett Mobile begonnen hat. Ronin behandelt die Minimal-Motive, die die Basis von Bärtschs stark dem modularen Denken verpflichteter Musik bilden, freier und radikaler als Mobile. Ronin ist gewissermassen die Hardcore- bzw. Guerilla-Variante von Mobile. Zu Ronin gehören neben Bärtsch, der hier nicht nur (präpariertes) Klavier, sondern auch Fender Rhodes spielt, der Schlagzeuger Kaspar Rast (bereits bei Mobile mit von der Partie) und der Bassist Björn Meyer (wie Bärtsch ein Mitglied von Don Pfäfflis Tonus-Sextett).
Bärtsch ist wahrlich nicht der erste aufgeklärte Westeuropäer, für den vom Fernen Osten eine grosse Faszination ausgeht. Woher rührt sie? Buddha habe halt die bessere Frisur gehabt als Jesus, meint Bärtsch, der übrigens noch nie in Asien war. Doch Bärtschs Affinität für den Zen-Buddhismus geht weit über modische Flapsigkeiten hinaus. Vor dogmatischer Strenge und esoterischem Eskapismus ist er glücklicherweise gefeit, dafür ist sein Denken zu verspielt und ironisch und zu stark beeinflusst von Roland Barthes’ Vorstellung vom produktiven Aufeinanderprall unterschiedlicher Kulturen.
Weniger ist mehr
Gesagt, getan: Im Café des Museums Rietberg nimmt Bärtsch Grüntee und Eiskaffee zu sich («Der Weise leert den Kopf und füllt den Magen»). Dieser kuriosen Verpflegung war ein Rundgang durch die bisher umfangreichste Ausstellung mit Bildern des Zen-Malers Tohaku (1539–1610) vorangegangen. Zum Auftakt machte Bärtsch auf die Tatsache aufmerksam, dass es recht komisch anmute, dass diese enorm sparsamen (und von ihrer zeremoniellen Bedeutung losgelösten) Bilder ausgerechnet in der Villa Wesendonck, wo mit Richard Wagners «Tristan und Isolde» ein extrem üppig instrumentiertes Werk entstand, gezeigt würden. Die Ästhetik des «Weniger ist mehr» ist für Bärtschs Musik von zentraler Bedeutung, mit den Materialschlachten abendländischer Tonsetzerkunst kann er nicht viel anfangen, da würden viel zu oft Ideen am Laufmeter verheizt – eine Ausnahme bildet für ihn Strawinskis «Sacre du printemps», das er als Schlüsselwerk bezeichnet und an dem er u. a. die Perkussivität und das ausgeprägte strukturelle Bewusstsein bewundert.
Bärtsch gibt der Musik durch Repetition und unmerkliche Veränderungen Raum und Atem, kleine Unterschiede und Abweichungen werden plötzlich wichtig und treten ins Bewusstsein des Publikums, das so die Fülle in der Leere entdeckt. Dabei gilt es beim Musizieren einen Zustand anzustreben, wie er auch für die Zen-Malerei charakteristisch ist: die Gleichzeitigkeit von Gelassenheit und Konzentration, von Beiläufigkeit und absoluter Präsenz.
Tom Gsteiger