| nik bärtsch press | Buch: Jazz in der Schweiz | 01. 01. 2005

Aus: Jazz in der Schweiz, Geschichte und Geschichten, Hg.: Bruno Spoerri, Chronos Verlag 2005

 

Im Auge des Hurrikan

Die Groove-Minimalisten Don Li und Nik Bärtsch


Von Tom Gsteiger



Im Essay «Vomit»[1] aus dem Jahre 1997 geht Eliot Weinberger der unappetitlichen Frage nach, warum auf MTV so viel gekotzt wird. Vom Phänomen der «Modekrankheit» Bulimie leitet er eine auf einer höheren Ebene gültige Diagnose für die westliche Zivilisation ab. Wir leben in einem Zeitalter der exzessiven Überproduktion von Konsum- und Kulturgütern; wer ständig die Qual der Wahl hat, wird ständig von dem Gefühl gequält, die falsche Wahl getroffen zu haben. «Es gibt diese Bilder, weil es uns ein Bedürfnis ist, Platz zu schaffen und Ballast abzuwerfen, weil wir uns danach sehnen, uns all dessen zu entledigen, was wir konsumiert, aber nur halb verdaut haben, und weil wir uns von den damit verbundenen Ängsten und Sorgen befreien und endlich wieder Hunger und Befriedigung verspüren wollen.»[2]

Diese Situation stellt auch die Kunst vor neue Herausforderungen: Hat sie der Explosion der Reize etwas Adäquates entgegenzusetzen? Die Strategie der Postmoderne lautet: «Anything goes!» Im musikalischen Bereich bilden die hektischen Sound-Collagen der von John Zorn ins Leben gerufenen Combo Naked City die Apotheose dieser Strategie: Sadomaso für die Ohren. Am anderen Ende der Skala trauern neo-konservative Entertainer wie Wynton Marsalis oder André Rieu der Vergangenheit nach: nostalgischer Eskapismus.

Eine sehr attraktive Alternative zur Reizüberflutung hat das Lager der Minimalisten parat: «Less is more!» Auf die Besinnungslosigkeit reagieren sie mit Werken, die uns  auf ganz unterschiedliche Arten  zur Besinnung kommen lassen. Sie lassen sich nicht vom Hurrikan hinwegfegen, sondern befinden sich im Auge des Hurrikans, wo Ruhe herrscht. Wichtige Maximen des Minimalismus sind: Klarheit, Konzentration, Reduktion und Repetition. Wo er nicht in banale Esoterik abdriftet, ist der Minimalismus wohl das probateste Gegengift zum Overkill der Hypes und Trends: Er hüllt uns nicht in einen Nebel des diffusen Wohlbefindens, sondern schärft unsere Sinne.

In der Kunst führt das Kästchendenken immer wieder zu Verwirrung. Dass zum Beispiel der Zürcher Pianist Nik Bärtsch und der Berner Holzbläser Don Li  beide 1971 geboren  nach wie vor der Jazzszene zugerechnet werden, obwohl sie der ausufernden Virtuosität des Jazz (also seinem Spontaneitätskult) längst den Rücken gekehrt haben, kann nur mit dem mangelhaften Differenzierungsvermögen der Musikkritik erklärt werden. Lis Tonus-Music und Bärtschs Ritual Groove Music können nicht an den Massstäben des Jazz gemessen werden. Beide Komponisten haben für ihre Musik ein eigenes System entwickelt, wobei sie die dialektische Spannung zwischen klaren Regeln und Intuition produktiv nutzen: Bärtsch nennt es die «Spannung zwischen kompositorischer Strenge und improvisatorischer Selbstüberlistung». Dabei bezogen sie ihre Inspiration zu unterschiedlichen Zeitpunkten aus ganz unterschiedlichen Quellen (Bärtsch nennt konkret Funk, japanische Ritualmusik wie zum Beispiel Musik fürs Noh-Theater, «ritualistische Stücke» von Strawinsky wie «Le sacre du printemps» oder «Les noces», das Frühwerk Steve Reichs und Morton Feldmans Spätwerk).

Sowohl für Bärtsch als auch für Li spielen komplexe Grooves eine zentrale Rolle: Repetitive Strukturen werden über einen längeren Zeitraum entwickelt und in feinster gradueller Abstufung variiert. Damit wird eine Wirkung erzeugt, die der Minimalismus-Guru Terry Riley so umschreibt: «Man kann high werden, wenn man in einen Groove gerät. Du kannst high werden, wenn du auf einer Note bleibst, es gibt auch andere Möglichkeiten, aber das ist ein garantierter Weg zur Ekstase.»[3]

Wer derart konsequent eigene Wege geht wie Li und Bärtsch, wird früher oder später an einen Punkt stossen, wo die Defizite herkömmlicher Präsentationsformen für Musik evident werden. Auf das Malaise des Jazzclub-Tingeltangels haben Bärtsch und Li unterschiedlich reagiert. Im September 2000 initiierte Bärtsch eine sich über drei Jahre erstreckende BLUE-Trilogie. In jedem Jahr gelangte ein 36-stündiges Musikritual zur Aufführung. Bei diesen Multimedia-Anlässen (Video, bildende Kunst, Schwertkampf) präsentierte Bärtsch seine Formation Mobile,[4] mit der er auch weiterhin abseits des konventionellen Konzertbetriebs in Erscheinung treten will (im April 2005 fand die Premiere des Werks «Perpetual Rhythm» statt, das Bärtsch für Mobile und die Tokioter Butoh-Tanztruppe Bodygarage konzipiert hat). Für Club-Gastspiele hat Bärtsch mit der Formation Ronin[5] (so hiessen im alten Japan die herrenlosen Samurai) eine flexible Eingreiftruppe gegründet. Mit beiden Gruppen und als Solist spielt Bärtsch eine Musik, die auf Modulen basiert, die teilweise miteinander kombiniert werden. Er schreibt: «Module sind klar auskomponierte musikalische Bausteine, die je nach Kompetenz der aktuellen Interpreten belebt werden können.»

Don Li eröffnete im Dezember 2000 in einem Keller in der Berner Altstadt das Tonus-Music Labor, das ihm als Arbeits- und Konzertort dient, und wo er auch andere minimalistische Kunstkonzepte präsentiert wie z.B. die musikalischen und bildnerischen Arbeiten von Zimoun oder das Solo-Programm des Flötisten Andreas Stahel  daneben betreibt er mit Tonus-Music ein eigenes Label. In einer ersten Phase experimentierte Li im Labor mit immer wieder neuen Gruppen, wobei er seine über 60 Mitstreiter aus den unterschiedlichsten Szenen rekrutierte. Diese Phase kulminierte in einem fünfstündigen Auftritt am ersten BeJazzWinterFestival im Januar 2002[6]. Schrieb Li früher kurze, durchnummerierte Parts, so ist er neuerdings dazu übergegangen, einstündige Werke für klar definierte Ensembles zu konzipieren: Im Jahr 2003 gingen die Uraufführungen eines Auftragswerks für das Berner Symphonieorchester und die Xala-Performerin Ania Losinger[7] sowie der Kompositionen «The longest journey begins with the first step» (New York) und «Time-Experience» (Jazzfestival Willisau) über die Bühne, bei denen die musikalischen Prozesse aus der rhythmischen und tonalen Analyse gesprochener Sätze abgeleitet wurden.

Wichtige Impulse erhielt er durch einen halbjährigen Aufenthalt im Künstleratelier des Kantons Bern in New York. Die Distanz zur hiesigen Szene und die Versenkung in Werke zeitgenössischer bildender Künstler wie Walter De Maria, Bill Viola oder Michal Rovner haben ihn darin bestärkt, sich dem Unterhaltungsaspekt noch konsequenter zu verweigern. Der Überfluss an Reizen hat in ihm das Verlangen ausgelöst, seine Mittel noch gezielter und sparsamer einzusetzen. Dies hindert ihn allerdings nicht daran, die Kooperation mit anderen Kunstformen zu intensivieren  so sind Pierre-Yves Borgeauds Video-Arbeiten ein integraler Bestandteil von «The longest journey...» und «Time-Experience». Borgeaud zeichnet auch für das visuelle Konzept einer DVD verantwortlich, auf der Losinger Lis «New Ballet for Xala» performt.

Der Autodidakt Li ist wesentlich früher mit eigenen Projekten an die Öffentlichkeit getreten als der klassisch ausgebildete Bärtsch. Beide haben unabhängig voneinander ähnliche ästhetische Affinitäten entwickelt haben, um schliesslich ein paar Jahre intensiv miteinander zu kooperieren. Bärtsch spielte in Lis Tonus-Sextett, Li machte in Bärtschs Mobile mit; gemeinsam rief man die «Conspiracy of the Rhythm Gardeners» ins Leben. In jüngster Zeit streben Li und Bärtsch eine stärkere Profilierung der eigenen Position an (in Bärtschs Fall hat sicherlich auch ein halbjähriger Japan-Aufenthalt zur Ausdifferenzierung seiner Affinitäten beigetragen; seit Ende 2004 kuratiert Bärtsch die Konzert- und Workshopreihe «Montags» im Bazillus, Zürich). Diese Entwicklungskurve ist nicht untypisch, wenn sich die Wege von zwei starken Individualisten kreuzen, die aufeinander gewartet zu haben scheinen. Gemäss einem Statement des Schlagzeugers Kaspar Rast, der mit beiden sehr eng zusammenarbeitet, sprechen beide dieselbe Sprache, aber jeder mit einem ganz eigenen, unverwechselbaren Akzent. [8]



[1] abgedruckt in: Weinberger Eliot: Karmic Traces,
New Directions Books 2000, für diesen Aufsatz übersetzt von Friederike Kulcsar, Wien.

[2] «The images of vomiting that appear as one nervously clicks the remote control are not only there as bizarre novelties to make us pause at a certain channel and its commercials. They are there because we wish we could clear a space, make some room, expunge all the half-digested consumption and its attendant anxieties, know again the feeling of hunger and satisfaction. We look at people throwing up because we wish we could throw it all up  including these images of people throwing up.»

[3] zit. nach: Toop David: Ocean of Sound, Hannibal Verlag 1997

[4] aktuelle Besetzung: Nik Bärtsch p, Mats Eser marimba, Kaspar Rast dr, Sha b-cl

[5] Bärtsch keyboards, Björn Meyer el-b, Rast dr, Andy Pupato perc, Sha b-cl

[6] an dieser Performance waren neben Li beteiligt: Ania Losinger, die Schlagzeuger Norbert Pfammatter, Marco Agovino, Fabian Kuratli und Kaspar Rast, die Bassisten Björn Meyer, Wolfgang Zwiauer und Bänz Oester, Patric Lerjen g, Nik Bärtsch, Mats Eser, Andy Pupato, Werner Hasler tp, die Bassklarinettisten Hans Koch, Markus Niederhauser und Res Ramseier, die Elektroniker Marco Repetto und Bruno Spoerri sowie der Karatekämpfer Marko Marffy

[7] Das Xala ist ein von Ania Losinger und dem Instrumentenbauer Hamper von Niederhäusern entwickeltes Bodenxylophon, das mit den Füssen und Holzstöcken gespielt wird

[8] Weitere Angaben siehe www.tonus-music.ch und www.nikbaertsch.com.