| nik bärtsch press | Frankfurter Allgemeine Zeitung |
10. 05. 2006
Nik Bärtsch's Ronin
Versunkenheits-Funk
Von Fridtjof Küchemann
Die Wüste lebt: Nik Bärtsch mit seinem Quintett Ronin
Was „Stoa“ zu einem der wirklich überraschenden Alben dieses Frühjahrs macht, ist weder die Besetzung der Formation „Ronin“, für die erste Veröffentlichung auf dem Grenzgängerlabel ECM zum Quintett gewachsen, noch die heute beinahe übliche studiotechnische Rafinesse. Mit einem Bassisten, zwei Schlagwerkern und einem Baßklarinettisten hat der Zürcher Pianist Nik Bärtsch seine Formation zwar rhythmuslastig, aber nicht sonderlich auffällig besetzt. Und seine schlicht als „Module“ bezeichneten und mit einer Nummer versehenen Stücke sind nicht etwa dem Geschmack heutiger elektronischer Tanz- und Tapetenmusik entsprechend klangtechnisch manipuliert, sondern eingespielt worden, ohne daß überhaupt eine Tonspur nachträglich ergänzt oder verändert worden wäre.
Das ist selten geworden, selbst in Jazz und Klassik. Aber „Stoa“ ist auch kein Jazz. Und Klassik ist es auch nicht. Dabei klingt die Musik des Mitdreißigers in ihrer Dynamik, ihrem Schwung, in ihrer Raffinesse durchaus nach Jazz. Und in ihrer formalen Strenge und Reduktion durchaus nach den Ausläufern klassischer Musik, die man Minimal Music nennt.
Dann schaltet die Maschine einen Groove höher
Fast könnte man überhören, daß Nik Bärtsch eigentlich eine Musik der Gegensätze macht. Kunstvoll setzt sein Quintett Stück für Stück komplizierte Mechaniken in Gang, in denen sich elegant unwuchtige Rhythmen etablieren, langsam um sich selber kreisend. Die einzelnen Instrumente durchlaufen wieder und wieder die gleiche Tonfolge, ohne daß sie leerläuft - ein in seiner Genauigkeit, dem Repetitiven maschinell und zugleich im melodischen Trudeln der Tonfolgen organisch wirkender Vorgang.
Der Form nach erinnern manche Passagen an Steve Reichs „Music for 18 Musicians“, für solistenlose Jazzrock-Combo arrangiert. Dem schwebenden Klang nach erinnern andere an die Duos von Gary Burton und Chick Corea. Der rhythmischen Präsenz nach erinnern wieder andere an das Jam-Trio Medeski, Martin und Wood aus den Aufnahmen mit John Scofield: Als würde die Maschine ihren Gang wecheln, gleichsam in höheren Groove schalten, werden die Tonfolgen zuweilen abgelöst von Pattern pursten Funks, denen allerdings die Pose fehlt. Eine Musik der Versunkenheit, dabei von mitunter atemberaubender Offensivität.
In den einzelnen Phrasen - einzeln nicht narrativ genug, um Melodien genannt zu werden - sind bereits Rhythmen mit formschöner Kantenführung eingelassen. Dennoch wird jedes Instrument bis hin zu Klavier und Klarinette ungewöhnlich perkussiv gespielt. Und wer in einer Phase präziser Schmatz-, Schnalz- und Schlürfgeräusche ein Klarinettensolo erkennt, fühlt sich dem Jazz doch wieder nahe. Auch wenn Ronin an die Stelle der klassischen Spannung zwischen Vorder- und Hintergrund, zwischen Solo und Begleitung spannungsgeladene Klangräume setzt. Auch wenn Ronin statt Aussage so etwas wie meditatives Leersein zu suchen scheint. Selten war die Leere so lebendig, selten die Wiederholung so anregend. Und nie zuvor sind krumme Klangmuster so abgegangen.
Nik Bärtsch & Ronin, „Stoa“, ECM/Universal 987 3631-9