| nik bärtsch press | Hannoversche Allg. Zeitung | 08. 04. 2005

Hannoversche Allgemeine Zeitung, Kultur, Freitag, 8. April 2005

Die Kunst, am richtigen Ort nichts zu tun


Ekstase durch Askese: Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch mischt auf äusserst bewegende Weise Funk, Ambient und Minimal Music


Zunächst ist es wie so oft. Man bekommt einen Tipp. Hör dir das mal an, sowas wie Ambient-Funk. Na ja, na gut, mal hören. Und dann: Aufhorchen, aufmerksam, aufspringen - was ist den das?!
Da spielt eine Band intensiv einen Groove, der um sich selber kreist, immer weiter, immer weiter, alles dreht sich - doch nichts geht voran, die Energie tritt auf der Stelle, nicht auszuhalten, nicht aufzuhalten, dieser Groove. Allmählich schraubt er sich dann doch weiter, etwas verschiebt sich, es kommt etwas hinzu, neue Harmonien, eine andere Betonung. Und der Puls rast.
Was ist das nur für eine Musik, die so höllisch abgeht und gleichzeitig so mönchisch streng und ernst wirkt? "Zen-Funk" oder "Ritual Groove Music" nennt der Pianist Nik Bärtsch aus Zürich, das was er da mit seiner Band "Ronin" auf der CD "Rea" macht. Es passiert nicht viel bei dieser Musik, aber sie nimmt einen mit, egal, ob es gerade nur ambientmässig vor sich hin pulst oder knackig funkig zugeht. Dann nehmen Piano, Fender Rhodes, E-Bass (Björn Meyer), Schlagzeug (Kaspar Rast) und Perkussion (Andi Pupato) einen Rhythmus so lange in die Mangel, bis ihm schwindlig wird. Dabei geht alles mit (r)echten Dingen zu: "no overdubs, no loops and additional electronics" steht auf den CDs,
"Ekstase durch Askese" ist das Konzept hinter Bärtschs kontemplativen Groove-Orgien. "Aus selbstgewählter Einschränkung entsteht Freiheit", schreibt der 33-Jährige auf seiner homepage www.nikbaertsch.com. Und in seinem Beitrag zu Peter Niklas Wilsons Buch "Reduktion - zur Aktualität einer musikalischen Strategie" heisst es: "Die Fragen lauten sowohl für die Kunst wie für das Leben immer: Was ist wirklich wichtig? Wieviel von etwas braucht es? Was kann ich weglassen? Das Schwierigste ist, am richtigen Ort nichts zu tun. Einfachheit ist oft komplexer als Komplexität."
Wenn man mehr über Nik Bärtsch und seine Philosophie von Musik wissen will, schreibt man ihm eine E-Mail und ruft ihn an. "Eine Minute, ich muss nur schnell mein Teewasser abstellen, bin gleich zurück..." Sonntagnachmittag in Zürich, Teezeit. Bärtsch spricht ruhig, ernst und wohlüberlegt über seine Musik, die er mal solo, mal mit akustischer Band ("Mobile") und mal mit elektrischer ("Ronin") macht, über die Schwierigkeiten und Grenzen des Selbstmanagements (bislang sind seine CDs nur direkt über die Homepage zu bestellen). Er spricht über Japan, das ihn mit seiner Tradition des "Weniger ist mehr" und mit seiner Zen-Philosophie beeindruckt hat, über "Module", seine komponierten Bausteine und Muster, die die Grundlage der Stücke sind über die Suche nach einem Perkussionisten, der tausendfach geduldig "Ping" macht und nicht "Ping - ping" - und über Froschstimmen. "Moment, ich spiel's dir vor, muss nur was umstecken." Nach einer Weile Stille erklingen durchs Telefon wundersame Froschgesänge, Naturaufnahmen eines französischen Forschers, die klingen, als hätte dieser nicht Frösche aufgenommen, sondern Vogelstimmen durch Prozessoren gejagt. "Toll, was?"
Sechs CDs hat Bärtsch in vier Jahren auf dem kleinen Label eines Freundes veröffentlicht. Nun steigt das Interesse an seiner Musik, Verhandlungen mit Vertrieben stehen an. Aber was zunächst wie eine geradlinige Erfolgsgeschichte klingt, hat sich aus einem langen, verwinkelten Prozess entwickelt. Bärtsch, als Kind "mangels Begabung" aus der musikalischen Früherziehung geworfen, interessierte sich früh für Rhythmen und wollte Schlagzeug lernen. Bald stieg er auf Klavier um, Jazz und Boogie; schliesslich legte er ein klassisches Klavierdiplom an der Musikhochschule Zürich ab. Anschliessend studierte er Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaften, bevor er für ein halbes Jahr nach Japan ging. Und dann, "nach 20 Jahren Studium von Udo Jürgens bis Luigi Nono", machte der Musikfreak Bärtsch reinen Tisch: Anlässlich eines Umzugs verschenkte er 1500 Platten und CDs, übrig blieben nur zwei Dutzend, darunter welche von James Brown, Igor Strawinsky, Morton Feldman, Johann Sebastian Bach. Ein Einschnitt. "Ich wollte mich konzentrieren", sagt er. "Die Musiken sind ja nicht weg, sondern in meinem Kopf drin, als Humus für neue musikalische Gewächse." Man möchte einen Garten für sie haben.

von Matthias Schmidt