| nik bärtsch press | Interview zu RONIN mit Nik Bärtsch, AZ Nürnberg | 09. 03. 2009

ABENDZEITUNG NÜRNBERG, 09.03.2009, von Andreas Radlmaier

"Denken kann lustvoll sein"

Kopf und Bauch als Einheit: Die aussergewöhnliche Schweizer Gruppe "Ronin" stellt heute in der Nürnberger Tafelhalle ihren "Zen-Funk" vor, mit dem man "intelligente Einfachheit" anstrebt
Die unerhörte Intensität dieser Gruppendynamik erinnert etwas an Esbjörn Svenssons Trio. Freilich speist sich der "Zen-Funk" des Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch aus anderen Quellen. Bartok und Strawinsky nennt er - und natürlich die japanische Zen-Kultur, die ihn schon im Teenager-Alter nach einem Kinobesuch von Akiro Kurosawas Kampfkunstgemetzel "Ran" voll erfasste. "Ronin" heisst denn auch eine unbeschreibliche Guerilla-Einheit - wie die japanischen Einzelkämpfer aus der Samurai-Zunft. Das Rahmen sprengende Resultat ist ein "Destillat verschiedener Einflüsse", wo Trance für "positive Wachheitsenergie" steht, Schleifenlösungen Spannung erzeugen und das Rituelle in raffinierten Rhythmusverschiebungen triumphiert. Heute (20 Uhr) spielen die hoch gelobten Schweizer erstmals in der Nürnberger Tafelhalle.


AZ: Herr Bärtsch, eines Ihrer Leitmotive lautet "Ekstase durch Askese", die Band ist nach japanischen Desperados benannt. Ist sie am Ende eine spirituelle Bruderschaft?

NIK BÄRTSCH: Auch wenn wir gelegentlich solche Bilder verwenden, sind die nie esoterisch gemeint. Im Sinne einer verschworenen Gemeinschaft, die nur nach innen funktioniert, sondern Ronins heissen wir ja, weil das Freie sind, eine Art Freelancer, die sich zusammengeschlossen haben, um seriös, aber auch selbstironisch an ihr Lebenswerk zu gehen, und auf diesem Weg höflich radikal zu sein.

Im Begriff "Zen-Funk" prallen Geisteshaltung und Bauchgefühl gewollt aufeinander. Geht's um Balance oder Kontrast?

Ich versuche immer Begriffspaare zu finden, die einerseits Fragen stellen, Paradoxien aufbauen und gleichzeitig auch Verwandtschaften zeigen. Zen ist nicht nur Geist, sondern auch viel Körper. Funk versteht man landläufig eher als Bauchmusik, die sehr direkt kommt. Allerdings ist im Funk auch sehr oft eine hohe Disziplin am Werke. Zen-Funk ist ein Begriff für mich, an dem man immer wieder überprüfen kann: Bleiben wir in der Entwicklung wie in der Beibehaltung unserer Ideen konsequent. Und durch ihn werden wir auch nicht so sehr mit anderen Stilen in Verbindung gebracht. Man redet oft von Minimal Music, von Jazz. Diese Begriffe führen zwar in die richtige Richtung. Aber nicht unbedingt zum Kern.

Was ist der Kern?

Am richtigen Ort nichts tun. Wenn man am falschen Ort nichts tut, ist es einfach langweilig. Und wenn man vieles gleichzeitig tut, kommt man man schnell an den Punkt, wo nur das Können im Vordergrund steht. Wir wollen eine einfache Dramaturgie anbieten, die beim genauen Zuhören zu blühen beginnt. Die aber nicht anstrengt. Es ist unheimlich schwierig, intelligente Einfachheit zu kreieren.

Die Verpackung ist strikt rational. Die Stücke heissen "Module", die aktuelle CD "Holon" verweist auf einen wissenschaftlichen Spezialbegriff.

Da haben Sie schon recht. Da sind immer Aspekte des Künstlerischen und Philosophischen drin. Ich überlege mir sehr genau, wo man der Phantasie des Hörers Spielraum lässt und wo man sie ein bisschen fordert. Aber "Holon". vorher auch "Stoa"; sind auch lautmalerisch spannende Worte. Sie haben ein Geheimnis. Trotzdem machen wir keine komplexe Avantgarde-Musik, wir versuchen, eine eigene Poetik aufzubauen.

Steckt da Scheu vor Gefühlen dahinter?

Ganz im Gegenteil. wir sind glücklich, wenn's abgeht. Es entsteht oft das Phänomen, dass wir lachen, wenn's richtig zu grooven beginnt. Eine Gruppe, die über Jahre einen eigenen musikalischen Dialekt, eine Sprache entwickelt und in der dann nonchalant abphrasiert werden kann, das ist das wirkliche Spannende. Sicher ist meine Ästhetik nicht gefühlig im Ausdruck, aber da kann ich nix für.

Angst vor Kopflastigkeit muss aber keiner haben?

Angst sowieso nicht. Ich rede auf der Bühne zum Beispiel kaum, weil wir lieber die Musik und die Sinnlichkeit sprechen lassen möchten.

Sie glauben also an die Sinnlichkeit des Intelligenten?

Unbedingt. Denken kann sehr lustvoll sein. Ich verstehe das überhaupt nicht als Gegensatz: Körper und Geist. Ich suche eher die Verbindung, das Zusammenspiel oder gar die Einheit. Wahrnehmung und Lernen sind dabei zwei zentrale Begriffe. Also nicht nur Erwartungen befriedigen, sondern auch Überraschungen bringen. Interview: Andreas Radlmaier




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