| nik bärtsch press | Jazzpodium |
01. 06. 2006
Sich auf wenige Ideen beschränken
Nik Bärtsch
Von : Hans-Jürgen von Osterhausen
Seit den 90er Jahren überrascht der 1971 in Zürich geborene Pianist Nik Bärtsch immer wieder
durch Klangideen ganz besonderer Art, die in die berühmten „Kästen“ einzuordnen den Puristen sicher nicht leicht fällt, aber die Öffentlichkeit, die Besucher seiner Konzerte beispielsweise immer auf besondere Weise anspricht. Zusammen mit seinem langjährigen Freund, dem Schlagzeuger Kaspar Rast und dem schwedischen Bassisten Björn Meyer hat er 2002 die Band Ronin gegründet, zu der dann noch der gerade mal 22 Jahre alte Klarinettist Sha (Stefan Haslebacher) und zu guter Letzt der Perkussionist Andi Pupato kam, der afrokubanische und afríkanische Klangelemente in die Band einbrachte.
Nach ihren Lebensläufen haben alle Musiker viele unterschiedliche Musikrichtungen kennen gelernt und praktiziert, bevor sie sich nun – vielleicht äußerlich gesehen – mit Mitteln des Minimalismus eine ganz neue musikalische Wirklichkeit erschlossen haben. Entstanden sind die Kompositionen (genau gesagt Modul 36, 35, 32, 33, 38_17) – die meisten Titel sind durchkomponiert, nur wenige wie der Anfang von „Modul 36“ sind improvisiert – während eines längeren Japan-Aufenthaltes von Bärtsch. So ist eine kontemplative Haltung mit starker Beziehung zu ostasiatischen Philosophiewelten ganz wichtig für das Werk, ohne dass aber äußerlich erkennbare ostasiatische Musikgedanken Eingang finden. Viel eher spielen insoweit Rückbeziehungen auf volksmusikalische Einflüsse eine Rolle, so zum Beispiel bei dem schwedischen Bassisten. Zu erwarten, dass man nun folkloristische Bestandteile erkennen kann, wäre auch wieder ein Trugschluss. Es geht Bärtsch eher um die Art der Herangehensweise, die musikantische Haltung, die damit verbunden ist.
Die Welt des klassischen Minimalismus ist dem Pianisten Bärtsch, der bis zum 16. Lebensjahr nur das Jazzklavier praktizierte und erst dann auf das Studium des klassischen Klaviers umstieg, durchaus vertraut, so die Vertiefung einer Idee durch dynamische Wiederholungen. Aber auch das genügt ihm nicht zur Erklärung des Phänomens seiner Musik.
Auch Jazz ist es nicht, wenn die Musiker sich auch in ihrem Leben sehr intensiv mit dieser klassischen Form improvisierter Musik des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben. Die Grundkonzeption eines durchgehenden Rhythmus haben sie sicherlich dort entliehen. Ironisch hat Bärtsch einmal von Zen-Funk gesprochen, ein Widerspruch in sich, der in dieser Gegensätzlichkeit aber sehr einfach die Musik beschreibt. Ein weiterer, aber ebenso unzureichender Begriff, die packende Musik zu bezeichnen, deren sich ständig steigernden Kraft man sich kaum entziehen kann, ist „Trance“.
Nik Bärtsch äußerst dazu: „Es gibt ganz viele Einflüsse, weil wir alle sehr viele Musikstile mögen. Wir sind keine Puristen, mögen auch Jazz, aber auch ganz Modernes, hauptsächlich gute Musik. Es ist wichtig, dass man zu einem Destillat kommt. Man kann ja nicht alles mixen. Das braucht Zeit. Erstmal muss man wissen, was einen an einem Stil interessiert. Dann zu welcher Ästhetik man eine Affinität hat. Bei uns ist das auch neben dem Groove der Akzent des ‚weniger ist mehr’. Es geht darum, mit dem Material Räume zu kreieren, in denen man sich bewegt. Ganz wichtig ist, dass die Band kontinuierlich zusammen arbeitet. So haben wir über lange Zeit eine Sprache entwickelt. Wir sprechen denselben Slang. Wir wissen, dass es
schwierig ist, ein solches soziales Netzwerk für eine Band aufzubauen, das über eine längere Zeit funktioniert. Gemeinsam ist uns, dass wir alle sehr viele Musikstile mögen, die wir auch gespielt haben, aber dann in der Anwendung sehr darauf achten, alles weg zu lassen, was exzentrisch, was nicht unbedingt nötig ist für die Musik, wie sie von der Band als Organismus kreiert wird.
Ich selbst habe hauptsächlich Jazz gespielt, schon als Kind angefangen, aber anfangs nur Jazzklavier. Dann habe ich begonnen, klassisches Klavier nachzuholen, hatte einen sehr strengen ‚Old-School’ Lehrer. Dann habe ich mich entschieden, klassisches Klavier zu studieren, weil ich es für das Klavier einfach elementar, essentiell finde. In dieser Auseinandersetzung habe ich natürlich auch viel klassische Musik gehört, Strawinsky war für mich sehr interessant.
Dann habe ich auch begonnen, mich für Japan zu interessieren, für Kampfkunst, Zen usw. aber immer sehr im praktischen Sinn. Ich war immer ein intellektueller Mensch und hatte ein körperliches Defizit. Habe viel an dem Bewusstsein gearbeitet, dass Körper und Geist zusammen gehören. Auch in dieser Form von japanischer Ästhetik ist die Formel ‚weniger ist mehr’ sehr wichtig.“
Auf die Frage, ob es den handwerklich kenntnisreichen Musikern nicht auch mal „in den Fingern juckt“, ihrer Virtuosität freien Raum zu lassen, sagt er: „Man hört, dass alle das könnten, aber wie Kaspar immer sagt, ihm kommen im Konzert immer so 50 Pickups und Fills in den Sinn und am Schluss spielt er dann fünf oder so. Und die haben dann auch eine ganz andere Präsenz, eine ganz andere Schönheit, wirken kompositorisch, obwohl sie improvisiert sind. Ich glaube, das ist das Interessante an dieser Musik, dass man auch technisch ein sehr guter Musiker sein muss, interpretatorisch, in der Hingabe an den Text. Die Stücke sind ja aufgeschrieben und haben gleichzeitig eine fröhliche Bescheidenheit.“
Die Beziehung zu volksmusikalischen Quellen sieht er so: „Man findet das auch im Pop sehr oft, dass für die Bands das Volkstümliche, aber auch das Unmittelbare und Musikantische eine Rolle spielt, weil sonst die Musik zu starr wird. Man hört bei Björn gut den Einfluss der schwedischen Volksmusik, mit der er aufgewachsen ist. Ich finde ganz wichtig, dass dies dazu gehört wie auch der Funk-Aspekt, der dann auch eher nordischer oder europäischer wird.“ Zur Frage der Grundidee aus der ostasiatischen Philosophie, die in der dynamischen Wiederholungspraxis zum Ausdruck kommt, stellt er fest: „Dies ist immer gepaart mit europäischem Bewusstsein für Komposition und Form. Wenn man Wiederholung nur behauptet, bleibt das ein Statement. Interessant ist immer, wie Material Form und Dramaturgie schafft, was für ein Potential die Musik hat. Es gibt ja vieles von den klassischen Minimalisten, viele Stücke, bei denen Repetition eine große Rolle spielt. Mich haben immer die Stücke interessiert, die dabei trotzdem eine Form kreiert und das Material nicht in einen narrativen Prozess gezwungen, sondern ihm Zeit gelassen haben.“
Dass die Musik live ganz anders klingt oder wenigstens zu erleben ist, kann er nur zum Teil bestätigen: „Das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Eine Platte ist immer etwas anderes als ein Live-Konzert. Die Musik auf der CD ist bis zu einem gewissen Grad körperloser. Trotzdem finde ich, dass die Dramaturgie, wie wir sie auf der CD hingekriegt haben, mit dem Klang zusammen, der ja immer sehr wichtig ist, auch gerade bei ECM, etwas ganz Eigenes ergeben hat. Live ist die Band natürlich viel direkter, erlaubt sich auch, viel unmittelbarer zu grooven.“
Zunächst ging die Release-Tournee durch die Schweiz und Deutschland, Länder, die den Musikern auch in anderen Ensembles bisher sehr vertraut sind. Mit dem weiteren Vertrieb der
CD und der damit verbundenen Verbreitung bleibt das Erlebnis von „Ronin“ natürlich nicht auf diese beiden Länder beschränkt. Wieder einmal zeigt sich an diesem Projekt die große Vielseitigkeit und Offenheit der sog. Aktuellen Musik, die sich nicht selbst Grenzen setzt, sondern eher dazu antritt, vielleicht noch bestehende Grenzen zu überschreiten.
CD: Nik Bärtsch’s Ronin „Stoa“, ECM 1939